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Blaukehlchen und Helm-Azurjungfer: Seltene Arten in der Lippe-Aue nachgewiesen

Was lebt eigentlich in und an der Lippe? Dieser Frage sind der Lippeverband, der NABU NRW und die Landschaftsagentur Plus beim ersten „Tag der lebendigen Lippe“ nachgegangen. Dazu untersuchten Forscherinnen und Forscher am zweiten Juli-Wochenende die biologische Vielfalt in den Lippe-Auen bei Haus Vogelsang in Datteln. Im Jubiläumsjahr des Lippeverbandes nun die erfreuliche Auswertung: Insgesamt wurden rund 950 Tier- und Pflanzenarten kartiert. Die Vielzahl der teils gefährdeten Arten zeigt eindrucksvoll, welchen Mehrwert die neu geschaffenen, naturnahen Auenlandschaften für die Artenvielfalt bieten.

Aktion „Tag der lebendigen Lippe“ 2026 (Foto: eglv)

Im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ hat der Lippeverband im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen, das Eigentümer des längsten Flusses in NRW ist, seit 2016 an der Lippe bei Haus Vogelsang zahlreiche Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt. Die angrenzenden Auenflächen werden zudem von der Landschaftsagentur Plus im Rahmen eines Ökokontos langfristig naturschutzfachlich entwickelt und bewirtschaftet. Entstanden ist mittlerweile eine naturnahe Flusslandschaft, die, eingebettet in ein vielfältiges Mosaik aus extensiven Weiden, Wiesen, Senken, (Au-)Wäldern und Trockenstandorten, Raum für seltene Tiere und Pflanzen bietet.

Wie wertvoll und artenreich dieser neue Lebensraum an der Lippe tatsächlich ist, zeigte sich beim „Tag der lebendigen Lippe“ eindrucksvoll: Von den nachgewiesenen Arten sind rund 70 Arten auf den Roten Listen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in NRW als „gefährdet“ bis „vom Aussterben bedroht“ geführt. Weitere 45 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Besonderen Grund zur Freude gaben der Fund des gefährdeten Blaukehlchens (Luscinia svecica) ebenso wie der Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale), einer seltenen Libellenart. Die mit Abstand artenreichste Gruppe aber waren die Schmetterlinge mit über 240 nachgewiesenen Arten.

Das Blaukehlchen als Botschafter der Aue und ein heimlicher Landschaftsgestalter
Mit Fernglas und Spektiv nahmen die Forschenden die Vogelwelt entlang der Lippe unter die Lupe und zählten insgesamt 80 Vogelarten. Zu den auffälligsten Funden zählt das Blaukehlchen, ein typischer Bewohner halboffener Flussauen. Es profitiert vom auentypischen Mosaik aus gewässernahen Schilfbeständen, Gebüschen sowie offenen Boden- und Uferbereichen und gilt in NRW als gefährdet.
Als bedeutendester Vertreter der Säugetiere ist der Biber (Castor fiber) – in NRW ebenfalls als gefährdet eingestuft –in der neuen Auenlandschaft als Landschaftsgestalter aktiv. Er selbst zeigt sich nur selten, doch seine unverkennbaren Spuren an Gehölzen und Uferbereichen entlang der Lippe verraten seine rege Bautätigkeit.

Aal und Nase schwimmen durch die Lippe
Sowohl vom Ufer als auch vom Boot aus wurden zwölf Fischarten nachgewiesen, darunter der in NRW stark gefährdete Europäische Aal (Anguilla anguilla), der insbesondere durch Wiederansiedlungsmaßnahmen gefördert wird, sowie die auf der Vorwarnliste geführte Nase (Chondrostoma nasus) – ein Zeichen dafür, dass sich die ökologische Verbesserung der Lippe für die Gewässerfauna auszahlt.

Von Mondhornkäfern, Helm-Azurjungfern und Igelkolben-Wasserzünslern
Bei den Käfern konnten die Forschenden mehr als 50 Arten nachweisen, darunter der Mondhornkäfer (Copris lunaris). Er besiedelt offene, langjährig beweidete Landschaften – Lebensräume, die durch die zunehmend seltene extensive Beweidung bundesweit stark zurückgegangen sind. Umso erfreulicher: Die naturnahe Beweidung mit Rindern in der Lippe-Aue erweist sich als wirksame Form der Landschaftspflege mit großem Potenzial für die biologische Vielfalt. Sie ist zugleich ein zentraler Bestandteil des langfristigen Flächenmanagements der Landschaftsagentur Plus und trägt dazu bei, die charakteristische Strukturvielfalt der Auenlandschaft dauerhaft zu erhalten.

Neben der stark gefährdeten Helm-Azurjungfer haben sich über 20 weitere Libellenarten von ihrer besten Seite gezeigt. Die Kleinlibelle ist auf kleine Gräben und Bäche mit dichter Unterwasservegetation sowie eine naturschonende Gewässerunterhaltung angewiesen. Solche Lebensräume sind durch die Wiedervernässung der Auenbiotope und die extensive Weidenutzung in der Lippe-Aue neu entstanden.

Über 240 Schmetterlingsarten
Mit Keschern ausgestattet fingen die Artenkenner*innen auch Tagfalter, während die nachtaktiven Falter erst mithilfe von Leuchttürmen aus ihren Verstecken gelockt werden konnten. Der Aufwand wurde reich belohnt: Mit fast 250 nachgewiesenen Arten stellten die Schmetterlinge die artenreichste Gruppe des Wochenendes. Darunter der stark gefährdete Igelkolben-Wasserzünsler (Nymphula nitidulara) und die Gelbbraune Schilfeule (Archanara dissoluta). Beide Nachtfalter sind auf auen- und fließgewässertypische Röhrichtpflanzen wie das Schilfrohr (Phragmites australis) oder den Igelkolben (Sparganium spec.) spezialisiert.

Über 300 Pflanzenarten: Grundlage für ein komplexes Ökosystem
Nicht nur direkt im Gelände, sondern auch unter dem Mikroskop bestimmten die Forscherinnen und Forscher schlussendlich über 300 Pflanzenarten in und an der Lippe sowie auf den extensiven Auenweideflächen. Viele der gefundenen Insektenarten, etwa die genannten Schmetterlinge, sind auf ganz bestimmte Pflanzen angewiesen, die dank der wiederhergestellten Auenlandschaft heute wieder zu finden sind. Zu den gefährdeten Rote-Liste-Arten, die typischerweise an dynamischen Fließgewässerufern zu finden sind, zählen etwa die in NRW stark gefährdete Reisquecke (Leersia oryzoides) und der gefährdete Nickende Zweizahn (Bidens cernua).

Naturschutzgebiet mit Signalwirkung
Trotz der positiven Bilanz bleibt die Fließgewässerlandschaft weiterhin unter Druck: Lange Trockenphasen sowie nicht heimische, teils invasive Arten wie Nutria (Myocastor coypus) und die Goldrute (Solidago spec.) stellen für die empfindlichen Auenbiotope eine anhaltende Herausforderung dar. Umso bedeutsamer ist die Herstellung sowie der Schutz von Lebens- und Rückzugsräumen für die Tier- und Pflanzenwelt. Der „Tag der lebendigen Lippe“ zeigt eindrucksvoll, dass die Kombination aus Gewässerrenaturierung und langfristiger Entwicklung der angrenzenden Auenflächen einen außergewöhnlich artenreichen Lebensraum geschaffen hat.

Bei dem partizipativen Monitoring nahm ein regionales Netzwerk aus 60 Artenkennerinnen und Artenkennern der Universität Duisburg-Essen, des Landesfischereiverbandes Westfalen und Lippe e.V., der zuständigen Biostationen, der NABU-Ortsverbände, des NABU NRW, des Lippeverbandes sowie zahlreicher weiterer Partner*innen die unterschiedlichen Artengruppen unter die Lupe. Über das Wochenende dokumentierten sie sowohl tag- als auch nachtaktive Tiere. Bürgerinnen und Bürger konnten die Forschungsaktion ebenfalls in einem spannenden Rahmenprogramm aus Informations- und Mitmach-Möglichkeiten begleiten.

Auch nach dem Aktionswochenende zum „Tag der lebendigen Lippe“ können engagierte Bürger*innen eigene Beobachtungen melden: Über die Webseite naturgucker.de/eglv können Funde geteilt werden. Der Lippeverband bittet dabei stets darum, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben, um Flora und Fauna zu schützen.

Hintergrund
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Lippeverbandes feierte die Forschungsaktion nun ihre Premiere an der Lippe und knüpft an die drei bisherigen Veranstaltungen zum „Tag der lebendigen Emscher“ an. In den vergangenen Jahren stand dabei die biologische Vielfalt der Emscher im Mittelpunkt – untersucht wurden unter anderem die Emscher-Mündung bei Dinslaken, der Natur- und Wasser-Erlebnispark in Castrop-Rauxel/Recklinghausen sowie die Emscher-Auen in Castrop-Rauxel/Dortmund.

Kooperation zwischen Naturschutzbund (NABU), Landschaftsagentur Plus und Emschergenossenschaft/Lippeverband (EGLV)
Umweltschutz, Biodiversität und Umgang mit den Folgen des Klimawandels sind Themen, die sich der NABU und EGLV als große Verbände in NRW auf die Fahne geschrieben haben. Seit 2021 arbeiten die beide Organisationen im Rahmen einer Kooperation gemeinsam an der Umsetzung dieser Themen. Neben Artenschutzmaßnahmen stehen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit und wasserpolitische Themen im Fokus, so wie ganz aktuell der „Tag der lebendigen Lippe“. Für diesen Tag kooperierte der Wasserwirtschaftsverband außerdem mit der Landschaftsagentur Plus, die für die Bewirtschaftung der Flächen vor Ort zuständig ist.

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum unterhalb Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.